In Episode #15 von „Opulent bis Kühn“ sprechen Hannes Offenbacher und der Publizist und brand eins Mitgründer Wolf Lotter über die Absurditäten moderner Tagungs-, Medien- und Unternehmenswelten. Am Beispiel von Lotters Buch Die Gestörten beleuchten die beiden, wie eitle Bürokratie und ständige Ablenkung schöpferische Wissensarbeiter ausbremsen – und warum wahre Transformation nur durch Eigensinn, radikale Fokussierung und die Rückbesinnung auf den Geist des Selbstdenkens gelingt.
Lieber lesen? Nachfolgend findest Du eine kompakte Zusammenfassung in Interview Form.
Hannes Offenbacher: Hallo lieber Wolf, schön, dass du wieder da bist!
Wolf Lotter: Hallo Hannes, freut mich. Danke für die Einladung.
Hannes: Willkommen zur zweiten Ausgabe von „Hannes und der Wolf“, wie ich unsere Gespräche gerne nenne. Wir haben ausgemacht, dass wir heute über das Thema deines Buches sprechen. Den Titel finde ich natürlich grandios: Die Gestörten. Man könnte sofort denken: „Ja klar, wir würden alle zustimmen, es gibt aktuell sehr viele Gestörte.“ Aber es sind nicht die Gestörten, an die man vielleicht zuerst denkt, sondern, wie du es schön beschreibst: Es sind die schöpferischen, kreativen Wissensarbeiter, die ständig gestört werden.
Wolf: Ganz genau. Das sind die Leute, die beim Arbeiten nicht in Ruhe gelassen werden. Man lässt sie nicht ungestört an Projekten arbeiten, sondern unterbricht sie ständig. In dieser aktionistischen Welt des Business mit Y kommen sie gar nicht mehr dazu, die Welt wirklich besser zu gestalten. Wie ich auch in meinem Buch Ruhe jetzt schreibe: Wir arbeiten heute in einer Wissensökonomie immer noch mit den Methoden einer alten Fabrik, wo es laut ist und herumgehühnert wird.
Hannes: Wer kann das ändern? Ich will gar nicht zu lange über das Problem reden, denn das kennen wir alle. Erst gestern Abend hatten wir hier eine Diskussion über die Frage: Wir hätten so viele relevante Herausforderungen und Probleme, die wir lösen sollten, aber stattdessen diskutieren wir die ganze Zeit über Sinnlosigkeiten, Kleinigkeiten und Befindlichkeiten. Das ist natürlich frustrierend.
Wolf: Das kann ich gut verstehen, das nervt mich genauso. Wer es ändern kann? Die Politik schon einmal nicht, denn die geht das nichts an. Die Politik ist eine Versorgungsanstalt, die sich um andere kümmern muss. Darum müssen sich die Leute schon selbst kümmern – und zwar konkret alle, die wollen, dass ihr Unternehmen in diesen Zeiten nicht nur überlebt, sondern sich auch entwickelt. Wenn man es nicht tut, wird man nicht überleben.
Worüber wir sprechen, ist im Kern immer dieselbe Geschichte: Wenn man die Arbeitsstrukturen nicht auf wissensökonomischer Basis ausrichtet, hat man einen Betrieb, der sich selbst verwaltet und sich selbst im Weg steht – in Meetings, in Ablenkungen, in Konzentrationslosigkeit und in einer mangelnden Innovationsfähigkeit, die wir nicht nur in Deutschland und Österreich sehen, sondern im gesamten Westen. Es fällt uns offensichtlich nichts mehr ein. Das liegt nicht nur am Wohlstand, sondern vor allem daran, dass die Menschen, die wirklich arbeiten, nicht in Ruhe gelassen werden, sich nicht konzentrieren können und gestört werden. Das ist ein maßgeblicher Grund, warum Organisationen nicht funktionieren.
Was kann man konkret tun? Erstens muss sich jeder vernünftige Mensch klar darüber sein, der Verantwortung trägt, dass die Transformation nicht kommt, sondern eigentlich schon vorbei ist. Wir sind schon in einer Wissensökonomie und keine Industriegesellschaften mehr in Europa. Diesen Zenit haben wir in den 1970er- und spätestens 1980er-Jahren überschritten. Die meisten Leute erbringen heute wissensbasierte Dienstleistungen.
Sogar die Statistikinstitute haben das mittlerweile mitgekriegt – die Politik und die BWL-Lehrer noch nicht ganz, aber das wird schon noch. Der Druck kommt jetzt. Die Frage, ob die Leute 60 Stunden arbeiten oder fleißiger sein sollen, ist Quatsch. Die müssen in Ruhe das tun können, wofür sie bezahlt werden: konzentriert an etwas arbeiten, anstatt ständig in einen Rahmen gepresst zu werden. Das ist heute die primäre Leadership-Aufgabe. Ich sage bewusst nicht Management, weil Management im Grunde eine veraltete Technologie und ein veralteter Berufsstand ist.
Hannes: Peter Drucker dreht sich jetzt natürlich im Grab um als der Management-Papst, obwohl er Management damals ja auch anders verstanden hat. Er hat den Satz geprägt: Innovate or die. Die Funktion von Unternehmen ist es zu innovieren und Produkte für die Leute besser zu machen. Das Traurige ist nur, dass das kaum noch der Fall zu sein scheint. Man sieht Absurditäten am Markt – etwa in der Automobilindustrie, wo deutsche Hersteller die Sitzheizung als digitales Zusatz-Abo anbieten. Ich verstehe das Revenue-Stream-Kalkül, weil man unkomplizierter produzieren will und die Vollausstattung im Auto verbaut ist. Aber mit der Passion, das Produkt und die User Experience für jemanden besser zu machen, ist das weit weg. Deshalb verlieren sie ganz konkret in den Märkten Kunden, Aufträge und Volumen.
Wolf: Ein sehr großer deutscher Automobilhersteller, eng mit Staat und Politik verbunden, dessen Auto ich fahre, hat mir vor zwei oder drei Jahren beim Kauf eines Neuwagens eine App geschenkt. Die konnte folgendes: hupen und blinken. Damit kann man nachschauen, wo das Auto im Parkhaus steht – eine Spielerei, die in der Praxis eh nie funktioniert. Nach einem Jahr lief das Abo ab und das Unternehmen schlug mir vor, diese Hup-und-Blink-App für 149,90 Euro pro Jahr zu verlängern. Das ist Irrsinn. Und woher kennt man so etwas? Aus Amtsstuben, aus dem Beamtengeist und der Bürokratie. Das sind keine marktwirtschaftlichen Systeme mehr, sondern planwirtschaftliche Gebilde, die zwischen Gewerkschaften und verwaltungsorientierter Führung aufgeteilt sind. Die werden verwaltet, nicht gestaltet.
Hannes: Ich war kürzlich viel in Europa unterwegs und habe mir dafür ein Starlink geholt, weil es grenzenlos funktioniert. Wenn man es nicht braucht, kann man das Abo über eine kleine Funktion für fünf Euro im Monat in den Ruhemodus versetzen. Man behält die Grundversorgung für Notfälle, zahlt aber nicht voll. Wenn man das mit den Knebelverträgen unserer Mobilfunker vergleicht, aus denen man Jahre nicht herauskommt, sieht man den Unterschied. Die Gestalter, wie du sie nennst, sind unternehmerische Leute. Ich frage mich nur zunehmend, wie wir dieses lösungsorientierte, kreative Denken mit Leidenschaft überhaupt wieder in das System hineinbringen. Auf LinkedIn diskutiert man sich gerade dumm und dämlich, ob der Staat am Ende ist, weil man beim Fußball verloren hat. Ich denke mir immer: Es wäre schon einmal ein Beginn, wenn ihr nicht so viel diskutieren und einfach was tun würdet. Jeder für sich in seinem Bereich.
Wolf: Vielleicht nicht einfach irgendetwas tun, sondern zuerst einmal stehen bleiben und überlegen, was. Aber genau daran mangelt es. Die sind nicht in der Lage, Inventur in ihrem eigenen Bereich zu machen. Das Hauptproblem der Diskussion in Deutschland ist, dass ein Viertel der Staatsausgaben mittlerweile für Beamte ausgegeben wird. Das hat Österreich mit seiner Beamtenseele nie erreicht. Die Deutschen sind Weltmeister in der Verbeamtung – zumindest bei den Kosten. Und die Politik tut überhaupt nichts, um das zu ändern, sondern kniet vor den Beamten. Wenn eine Gesellschaft sich im Kopf verbeamtet hat, hat sie kein Interesse daran, das zu ändern.
Die Wirklichkeit wird es ändern – und zwar dann, wenn das Geld nicht mehr da ist, um das zu bezahlen. Die Industriegesellschaften sind offensichtlich insolvent. Das hat Peter Drucker schon vor 40 oder 50 Jahren sehr klar gesagt. Wir leben in einer Welt, in der Automatisierung und KI eine unglaubliche Rolle spielen. Wissensökonomie ist das exakte Gegenteil von Automatisierung: Sie ist personalisierte, individualisierte, serviceorientierte, menschenorientierte Arbeit, die kein Rechner oder Algorithmus machen kann. Aber man hat den Menschen nur beigebracht: Tu das, was alle tun, lerne etwas auswendig und mach den Handgriff. Das reicht nicht mehr.
Hannes: Ganz nach dem Spruch: Man kann auch das Falsche richtig gut machen. Das sieht man an vielen Ecken. Wenn man auf die Reformvorschläge bei den Krankschreibungen schaut oder auf die Zahl, dass Deutschland pro Jahr 300.000 bis 400.000 gut gebildete Menschen durch Auswanderung verliert. Die Dynamiker und Wissensarbeiter, die schöpferisch was tun könnten, gehen einfach.
Wolf: Die besten Leute aus der IT haben wir längst nicht mehr im Land. Die sind nach Amerika oder China gegangen. Das gilt für Biotechnologen genauso wie für Maschinenbauer. Deutschland hat seine Qualitätsoffensive verloren – staatlich verursacht. Die Deutsche Bahn, im Besitz des Bundesfinanzministers, ist unpünktlich, nicht kundenorientiert und kostet Unmengen. Dass sie kaputtgespart wurde, ist eine Wanderlegende; sie kriegt ein Vielfaches von dem, was sie vor 30 Jahren gekriegt hat. Sie kann es nur nicht.
Dadurch zerfällt der Mythos vom verlässlichen, qualitätsvollen Deutschland auf den Weltmärkten. Warum? Weil diese alten Industriegesellschaften sich 30, 40 Jahre lang nur hinübergerettet und den Bestand abgesichert haben. Der Beamte ist bestandsgeschützt, der Volkswagen-Mitarbeiter ist bestandsgeschützt, die Gemeindemitarbeiterin sowieso. Alles, was im Schutzschirm der Politik liegt, verbraucht Geld und tut im Grunde nichts.
Hannes: Im privaten Sektor gab es früher Konsequenzen, wenn jemand oft krank oder demotiviert war. In Deutschland ist es selbst in Privatunternehmen extrem schwierig zu sagen: Wir müssen uns trennen, weil es nicht matcht. Wenn es keine Konsequenz gibt, fängt man an, das System auszunutzen. Das kann man den Menschen nicht einmal als Vorwurf machen.
Wolf: Überhaupt nicht. Ich sage das auch bei allen Schelten in Richtung Beamtengesetzgebung: Die Beamten ad personam können nichts dafür, die nehmen das natürlich an. Wenn man hunderte Lehrer verbeamtet und Zulagen ausschüttet, ist das eine Motivation. Aber außer bei hoheitsrechtlichen Dingen haben Beamte in einer Arbeitswelt nichts verloren. Wenn in einem Amt die Strukturen schlecht sind oder der Vorgesetzte ein Idiot ist, dann verharren die Leute.
Hannes: Du schreibst und redest seit fast 30 Jahren über diese Wissensökonomie und die Systeme. Wie ist dein persönlicher Zustand? Bist du optimistisch oder pessimistisch, dass wir mit Blick auf Europa die Kurve bekommen?
Wolf: Ich bin optimistisch, was China, Japan, Südkorea, Vietnam und Indien angeht, weil sie das wollen. In den USA ist die Wissensökonomie in vielen Bereichen realisiert; die wertvollsten Unternehmen dort sind nahezu alle Wissensunternehmen. Bei Europa bin ich nicht sehr optimistisch. Wir haben so starre Strukturen und Sanktionsmechanismen. Wir investieren die ganze Energie in den Erhalt alter Systeme, die politisch, juristisch und kulturell abgesichert sind. Wer im Management etwas verändern will, ist sofort weg.
Ich bin pessimistisch bei den großen Konzernen und Verbänden. Optimistisch bin ich bei den kleinen Mittelständlern und den Einzelnen, die gegen den Strom schwimmen. Aber Europa ist ein „Rüberretterland“. Wir behandeln Wissensarbeitende wie den letzten Dreck: Wer mit dem Kopf arbeitet, gilt als Nerd oder Spinner. Dabei zeigt die Kulturökonomie in Wien oder der Tourismus, dass persönliche Arbeit und Erfahrung enorm viel Wertschöpfung bringt.
Hannes: Auf den Top-Ebenen der Wirtschaftspolitik bestehen teilweise riesige Wissenslücken. Ich frage oft: Wo kommt eigentlich der nächste Mittelstand her? Man feiert das Exit-orientierte Startup-Ökosystem, aber Europa ist da oft nur das „Internship“ für die USA: Wir bilden die Leute top aus, und beim Exit sitzen sie in Dubai und zahlen hier keine Steuern. Müsste man Förderungen nicht standortgesichert anbieten, sodass man Fördergelder bei einem Exit retour zahlen muss?
Wolf: Wir leben im Zeitalter des entfesselten Marketings, wo es nur darum geht, Selbstmarketing zu machen oder das, was man tut, gut zu lackieren. Das Zusammenhangswissen und die Allgemeinbildung verfallen. Zappa hat das 1979 gesagt: „It's a little bit cheesy, but it's nicely displayed.“ Es ist eine oberflächliche Ökonomie von einem Hype zum nächsten. Was hilft, ist eine Kultur und Unternehmerkultur zu schaffen, die das verändert.
Hannes: Mich regt auch dieser KMU-Begriff auf. Man wirft EPUs, Kebab-Stände, Zwangsselbstständige und mittlere Unternehmen in eine Statistik, um stolz 25.000 Rekord-Gründungen zu verkünden. Da steckt null Substanz dahinter.
Wolf: Es geht um eine Statistik für die Politik, die niemand hinterfragt. Eine Wissensökonomie würde das kritisch hinterfragen. Aber viele Unternehmerverbände sind von Leuten besetzt, denen es nur um das Selfie auf LinkedIn geht. Dahinter ist alles hohl oder von der KI geschrieben. Das erinnert an das Amt: Man erfüllt die Formalität, geht morgens hin und abends wieder nach Hause.
Hannes: Und niemand bringt den Wirkungsbericht, wie viel echte Wertschöpfung Risikokapital-Startups in den letzten 20 Jahren an Steuergeldern und Arbeitsplätzen gebracht haben.
Wolf: Heute muss man vor allem wissen, wo die EU-, Landes- und Staatsförderungen liegen. Sogar junge Landwirte organisieren ihre Betriebe nach Förderungswürdigkeit. Das mache ich ihnen nicht zum Vorwurf, weil es ihre einzige Überlebenschance ist. Die Politik subventioniert ihre Lobbys und Ideologien.
Hannes: Ich habe Optimismus, weil sich die Debatte in digitale Kanäle und neue Medienformate verschiebt. Die klassischen Medien erfüllen ihre Aufgabe oft nicht mehr. Wenn Mercedes verkündet, drei oder fünf Prozent Wachstum erzielt zu haben, aber in Klammern „außerhalb von China“ ergänzt, müsste ein Wirtschaftsjournalist doch sofort hinterfragen, wie dumm diese Meldung ist, wenn der größte Markt in Wahrheit kollabiert.
Wolf: Der Journalismus hat sich zum Verlautbarungsorgan von Interessen gemacht. Zudem ist die Branche durchbürokratisiert und hat die Digitalisierung jahrelang bekämpft. Ein weiteres Problem ist das ökonomische Produktivitätsparadoxon: Studien von Solow bis Acemoglu zeigen seit 40 Jahren, dass Computer und KI bei den Anwendern kaum Produktivitätswachstum erzeugen, wenn man die alten industriellen Arbeitsstrukturen beibehält.
Hannes: Auf Substack sieht man gerade das Gegenteil: Die Nutzerzahlen explodieren, weil Menschen gezielt für Substanz von Experten bezahlen.
Wolf: Die Leute kaufen nicht das Gesamtmagazin, sondern die Arbeit von zwei oder drei Personen. Das Management alter Medien wollte aber das ganze Sortiment verkaufen. Das waren planwirtschaftliche Modelle, genau wie bei der Langspielplatte. Spotify hat verstanden, dass der Kunde Auswählen will. Deshalb ist Spotify heute mehr wert als Volkswagen.
Hannes: Bei Spotify schwappt jetzt allerdings viel AI-generierte Musik rein. Die Produktionsmittel haben sich verschoben. Wie müssen Künstler damit umgehen?
Wolf: Das eigentliche Geschäft ist längst wieder das Konzertgeschäft – Taylor Swift und Beyoncé sind volkswirtschaftliche Größen. Wenn Kreative KI als Werkzeug nutzen, ist das völlig in Ordnung. Wenn aber nur der Stil kopiert wird, ist das Gestohlen. Man redet den Leuten heute ein, KI mache jeden mühelos kreativ. Aber echte Kreativität ist ein harter Prozess. KI als Werkzeug zur Unterstützung finde ich super, aber meinen Text lasse ich nie von einer Maschine schreiben, sonst verliere ich die Würde bei meiner Arbeit.
Hannes: Auf LinkedIn versuchen viele durch KI klug zu wirken, brauchen aber trotzdem Selfies dazu. Wenn du auf einen Berg steigst, ist das befriedigend. Wenn jemand mit dem Sessellift hochfährt und runterruft, er sei ein toller Athlet, ist das lächerlich. Brauchen wir wieder Berge ohne Sessellifte? Ein Podcast ist so etwas, weil man Substanz nicht faken kann.
Wolf: Absolut. Wir merken bei Verlagen und Nachfragen: Alle wollen wieder etwas, das echt und unplugged wirkt. Das Original macht Fehler, verspricht sich – und genau darin besteht die Qualität. In einer perfekten Automatenwelt glänzt man in der Wissensökonomie vor allem durch Unterschiedlichkeit und das Imperfekte.
Hannes: Wir bauen deshalb bei Wemorrow geschlossene Salongespräche und Live-Formate auf. Ohne digitale Aufzeichnung, ohne Vermarktungsscheiße.
Wolf: Exklusivität, Begrenzung, Qualität und Zugangsbarrieren haben nach wie vor Zukunft in der Ökonomie. Wir brauchen unplugged People, die sagen und tun, was sie denken.
Hannes: Träumen wir zum Abschluss: Wie müsste der Plot aussehen, damit Europa das Rumreißen kann?
Wolf: Die Europäer müssten sich ihrer eigenen Geschichte klar werden. Sie müssten wissen, was ihre Erfolge ausgemacht hat: Fokussierung, Meisterschaft, Vielfalt und der Geist der Stoa wie bei Marc Aurel. Geschichte ist nicht vergangen, sondern dauert bis heute an. Wenn wir uns darüber im Klaren werden, wer wir sind, kann uns nichts geschehen.
Hannes: Mich stört, dass die Europäer sich am meisten selbst infrage stellen und eine Schuld der Vergangenheit aufbürden, anstatt mit Stolz auf die Stärken zu blicken.
Wolf: Vieles in dieser Wokeness ist aus Konkurrenzdruck entstanden, sehr aggressiv und egozentrisch. Europa war nie der Hort des Friedens, aber im Vergleich zu anderen Kulturen haben Systeme wie die Pax Romana Konflikte verhindert. Beide Extreme – ob rechts oder links – gehören zusammen und müssen aufhören. Wir müssen dem Extremismus von der Schaufel springen.
Hannes: Wenn man Medienstrategie versteht, weiß man: Ignorieren ist das Stärkste. Die ganze Aufregung und Empörung macht Figuren nur stärker. Wir sollten die Energie nutzen, um über positives Unternehmertum zu schreiben.
Wolf: Harald Welzer sagt immer: Wir sollten uns nicht um unsere Feinde kümmern, sondern um unsere falschen Freunde. Wir müssen die lauten Bürokraten und Woken links und rechts liegen lassen und uns mit den gutwilligen, gestaltenden Leuten beschäftigen.
Hannes: Mich interessiert Realität und Wirkung. Wenn sich jemand aufregt, frage ich immer: Und? Was tust du jetzt? Rechts und links liegen lassen ist genau der richtige Punkt.
Wolf: Man muss selbstbewusst auftreten und sagen: Bis hierher und nicht weiter. Wir haben eine Klasse von Eliten, die sich selbst überschätzt. Die neuen Eliten müssen sich wieder das Motto von René Descartes zu eigen machen: Der Zweifel ist der Weisheit Anfang, nicht die Selbstgerechtigkeit.
Hannes: Das müssen wir jetzt als Abschlusswort nehmen, das lassen wir genau so ausklingen. Ich danke dir für das spannende Gespräch, lieber Wolf!
Wolf: Mir hat es auch Spaß gemacht, Hannes, danke für die Einladung und das schöne Gespräch