Urs Treuthardt: Wie schafft Raum bessere Dialog-Kultur?
In Episode #13 von „Opulent bis Kühn“ tauchen Hannes Offenbacher und Urs Treuthardt tief in den verfahrenen Zustand unserer heutigen Begegnungskultur ein. Am Beispiel von Urs’ data:room in der historischen Kammgarnfabrik in Hard am Bodensee reflektieren die beiden die Absurditäten moderner Tagungswelten und suchen nach Wegen zu echter, menschlicher Interaktion.
Lieber lesen? Nachfolgend findest Du eine kompakte Zusammenfassung.
Hannes Offenbacher: Hallo lieber Urs, schön, dass du da bist.
Urs Treuthardt: Ja, ich bin da. Schön, dass ich es gefunden habe. Die Schilder habe ich am Ende entdeckt.
Hannes: Man muss sich den Weg erst verdienen – wie früher bei den Burgen, wo man sich langsam nach oben und innen gearbeitet hat. Wir sitzen hier im dataroom in Hard am Bodensee. Das kennt noch nicht jeder. Erzähl kurz, wo genau wir hier sind.
Urs: Wir befinden uns in einer alten Spinnerei. Bis 2023 hat hier Schöller Textil produziert. Auf fast 20.000 Quadratmetern stehen fünf Hallen. Mich hat schon immer fasziniert, was man aus solchen Industriegebäuden und ihrer Geschichte machen kann. Der dataroom ist eigentlich ein Prozess, aber eben auch ein Raum-in-Raum-Konzept. Der Eigentümer hat mich gefragt, was man hier machen könnte, und ich hatte die Idee bereits in der Schublade. Ich habe das gesamte Inventar – ein System aus Gerüstbauelementen – von meinem früheren Arbeitgeber abgekauft. Mir geht es darum, Atmosphäre und Begegnung zu gestalten. Also bin ich einfach in diese Halle gezogen.
Hannes: Das ist ein kühner und eher untypischer Schritt. Warum geht ein Angestellter einer sicheren, öffentlichen Institution heraus und macht sich in disruptiven Zeiten mit so einem Projekt selbstständig? What was the driver behind that?
Urs: Wenn ich eine Entscheidung treffe, ziehe ich sie durch. Ich war mit vollem Herzen Geschäftsführer bei Bodensee-Vorarlberg Tourismus und Convention Partner Vorarlberg. Wir hatten ein tolles Team und eine starke Destination, in der ich viel bewegen konnte. Aber irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich wissen wollte: Gibt es da noch mehr für mich? Die Option, in eine andere Destination zu wechseln, wäre sicher gewesen, aber sie hätte mich nicht erfüllt. Mich hat das Projekt dataroom fasziniert, weil es meine Kernkompetenzen bündelt: Menschen ins Gespräch bringen, KI, Technik und Digitalisierung miteinander verweben. Als ich mich mit Landesrat Tittler austauschte, sagte er mir spontan: „Urs, du bist so überzeugt davon – warum machst du dich nicht selbstständig?“ Da dachte ich mir: Stimmt eigentlich. Ich hatte keine Lust mehr, um Erlaubnis zu fragen, wenn ich wusste, was ich kann. Mein starkes Netzwerk hat mir dabei sehr geholfen. Ich begegne Menschen immer auf Augenhöhe, und das zahlt sich jetzt aus.
Hannes: Dieses Grundgefühl kenne ich. Als Kreativer oder Berater in der Organisationsentwicklung hat man irgendwann die Sehnsucht, einen eigenen Begegnungsraum zu schaffen. Wir sitzen nun hier und wollen über Begegnungskultur sprechen. Ich provoziere mal bewusst: Ist Begegnungskultur nicht ein netter Luxus in Zeiten, in denen Organisationen ohnehin vom Tagesgeschäft überfordert sind? Gibt es einen echten Bedarf?
Urs: Ich sehe einen massiven Bedarf an Räumen, in denen sich Menschen wieder begegnen. Gleichzeitig sehe ich, dass es extrem schwer ist, daraus ein klassisches Geschäftsmodell zu machen. Der Markt schätzt es finanziell kaum wert. Auf meiner Website habe ich anfangs von „Dialogräumen“ und „Begegnungskultur“ geschrieben, aber das kauft dir keiner. Es klingt für viele sofort nach Esoterik und Klangschalen. Das musste ich lernen und umtexten. Es kommt bei Räumen nicht darauf an, wie sie aussehen, sondern wer drin ist und wer sie mit Herzblut hostet. Wenn bei mir Workshops stattfinden, bleiben die Leute freiwillig viel länger, weil der Raum und die Atmosphäre etwas mit ihnen machen. In normalen Seminarhotels ist um 17 Uhr Schluss, weil der Raum neu gebucht ist oder die Putzkolonne kommt. Solche freien Räume sind essenziell für unsere Gesellschaft, aber es gibt wenig monetäre Wertschätzung dafür. Wie war das damals bei deinen Projekten?
Hannes: Beim Coworking-Space Tribehouse vor 15 Jahren im Palais Eschenbach in Wien war der Deal pragmatisch: Gründer mieteten einen Schreibtisch im 1. Bezirk. Später beim Josef Open Innovation Loft in Innsbruck für den Mittelstand war es ambitionierter. Dort sollten sich Firmen über Innovationsprozesse austauschen. Das funktioniert bis zu einem gewissen Grad, aber wenn die Miete hoch ist, wird es schnell anstrengend. Das Grundproblem ist oft die Sprache: Niemand kauft abstrakt „Begegnung“ oder „Art of Hosting“. Kunden kaufen den konkreten Output, wie etwa Klarheit bei der Strategie. Experten sprechen oft zu sehr in ihrer eigenen Fachsprache. Was mich in dem Segment aber noch mehr nervt: Bei kreativen oder gestalterischen Dienstleistungen meint plötzlich jeder mitreden zu müssen. Wenn du einen Elektriker holst, fragst du auch nicht das Team im Büro, ob ihnen die Farbe der Kabel gefällt. Man versteht oft nicht, dass das Hosten ein eigenes Handwerk ist.
Urs: Genau das genieße ich hier: Ich mache keine Kompromisse mehr. Wenn Kunden fragen, ob sie eine Bühne haben können, sage ich Nein. Das hier ist kein Ort, an dem man von oben herab spricht. Stattdessen setze ich die Leute an einen großen Stehtisch mitten im Raum. Erst sind sie überrascht, dann merken sie, wie viel besser und lockerer der Austausch dadurch wird. Ich messe meinen Erfolg daran, ob die Leute am Ende sagen, dass sie anders und tiefer diskutieren konnten als sonst.
Hannes: Man sieht es bei so vielen Veranstaltungen: Die Raumatmosphäre wird völlig unterschätzt. Wir haben bei unseren Foren am Vortag regelmäßig das gesamte Mobiliar umgebaut. Wir haben die militärisch ausgerichteten Stuhlreihen auseinandergeschoben, um eine organische Atmosphäre zu schaffen. Oft gab es dann Streit mit Brandschutzbeauftragten wegen Fluchtwegen. Das zeigt die Absurdität: Haftungsfragen blockieren in unserer Gesellschaft extrem viel. Oder nimm typische Hotel-Seminare: Du kommst rein, siehst ein U-Set-up und auf dem Tisch liegen Blöcke und Kugelschreiber wie 1980. Den Eventagenturen oder jungen Organisatoren fehlt oft die Nutzerperspektive.
Urs: Es scheitert auch am Kundendenken. Für zehn Leute bucht man aus Kostengründen einen engen Raum ohne Fenster im Hotel, statt einen größeren, inspirierenden Raum. Doch Platz macht etwas mit dem Denken. Wenn du mit 20 Leuten in einem 600-Quadratmeter-Raum arbeitest, hast du Freiheit. Wir müssen weg von Quadratmeter-Berechnungen hin zur Wirkung des Formats. Wenn du bei Google nach „Seminarraum“ suchst, siehst du überall diese furchtbaren U-Tische mit Namensschildern. Da passiert doch nichts.
Hannes: Es gibt eben einen riesigen Unterschied zwischen Hardware und Software. Die Corporates stellen sich heute bunte Möbel und einen Tischtennistisch rein, ändern aber nichts an ihrer Kultur. Hardware ist austauschbar. Und das Schlimmste in den öffentlichen Räumen oder Hotels ist die Technikfixierung. Da steht dann in den Beschreibungen noch immer stolz „inklusive Beamer“. Es ist lächerlich.
Urs: Es wird viel zu viel Geld in teure, komplizierte Hardware investiert. Was du wirklich brauchst, ist Plug-and-Play. Ich habe hier einen normalen Screen für ein paar Hundert Euro von Amazon stehen. Das versteht jeder, es spiegelt nicht und funktioniert einfach. Wenn Organisationen 30.000 Euro für ein Videokonferenzsystem ausgeben und im Call am Ende nur die Kamera hektisch hin- und herfährt, bringt das gar nichts. Investiert das Geld lieber in gute Gastgeber.
Hannes: Ein absoluter Klassiker in Hotel-Seminarräumen: Die Hälfte der Flipchart-Stifte ist ausgetrocknet. Diese einfachen Basics stimmen oft schon nicht.
Urs: Wenn ich mir die Zeit spare, nach der neuesten Technik zu suchen, kann ich diese Zeit in den Kunden investieren. KI nimmt uns ohnehin immer mehr operative Arbeit ab. Warum nutzen wir die gewonnene Zeit nicht, um bessere Gastgeber zu sein? Letzte Woche hat mir eine Top-Führungskraft aus einem Großkonzern an der Bar geholfen. Sie war danach begeistert, weil sie endlich mal wieder direkt mit Menschen agiert hat. Wir brauchen keine endlosen Schulungen, sondern Praxis. Die Leute müssen hinter die Bar oder ins Catering, um Hosten zu lernen.
Hannes: Solche Räume schaffen es, den Leuten die Steifheit zu nehmen. Sobald Freude und Lockerheit entstehen, öffnet sich der Geist. Aber wie kann ein Kunde, der das nicht gelernt hat, überhaupt den Unterschied zwischen einem echten Host und einem normalen Moderator beurteilen? Ich sehe oft Moderatoren auf Podien, die starr ihre Kärtchen ablesen und gar nicht im Thema drin sind.
Urs: Man spürt sofort, wer gut ist. Es wird künftig ein zentraler Zukunftsskill sein, Menschen zusammenzubringen, zuzuhören und echte Probleme zu lösen. Das kann KI nämlich nicht. Wer KI nur nutzt, um faul alle Fragen einzutippen, verdummt auf Dauer. Wir müssen die Fähigkeit trainieren, wie man mit Menschen spricht und Konflikte austrägt.
Hannes: Genau da liegt das gesellschaftliche Risiko: KI macht die Schlauen extrem viel schneller und die Faulen dümmer. Wenn man Verlernen zulässt, selbst zu denken, zu schreiben oder Lösungen zu suchen, verkümmert die eigene Kreativität. Es ist paradox: Alle schicken ihre Mitarbeiter auf KI- und Prompting-Schulungen oder zur OMR nach Berlin. Aber niemanden schickt man für einen Tag an die Bar, um menschliche Interaktion und Gastfreundschaft zu lernen – obwohl genau das die Fähigkeiten sind, die uns erhalten bleiben.
Urs: Vor zehn Jahren mussten plötzlich alle Social Media machen. Jetzt ist es KI. Aber die Unternehmen vergessen ihre Hausaufgaben: Sie können oft nicht einmal ihre Kernbotschaft oder ihr Alleinstellungsmerkmal formulieren. Stattdessen posten seriöse Firmen auf LinkedIn Bilder von der Ostereiersuche im Büro. Das ist teilweise markenschädigend. Viele KMUs leben vom persönlichen Kontakt und von Persönlichkeiten. Ladet die Leute doch einfach wieder in eine Bar ein, sprecht über die Welt und begegnet euch. Das bringt viel mehr Kunden als bezahlte Social-Media-Kampagnen.
Hannes: Wenn KI redundant gelagerte Prozesse übernimmt, stellen sich grundlegende Fragen: Was tun wir, wenn wir nicht mehr ständig auf den Bildschirm stützen müssen? Was macht die menschliche Kreativität dann? Plötzlich müssen wir uns wieder in die Augen schauen, miteinander reden und Entscheidungen treffen.
Urs: Genau das fällt heute vielen extrem schwer. Es wird kaum noch zugehört, sondern lieber eine schwammige Entscheidung getroffen, um sich abzusichern. Ich habe vor Kurzem Sessions gemacht, in denen ich Teilnehmern gezielt eine Pro- oder Contra-Haltung zugewiesen habe, die nicht ihrer persönlichen Meinung entsprach. Das tat den Leuten richtig weh, war aber enorm wertvoll. Man muss wieder lernen, andere Perspektiven einzunehmen und dem Gegenüber zuzuhören.
Hannes: Eine gepflegte Debattierclub-Kultur fehlt uns völlig. Man muss Argumente schärfen und die Perspektive wechseln können, anstatt starr nur die eigene Überzeugung zu verteidigen. Was mir an deiner Haltung gefällt: Der Raum braucht Vertraulichkeit. Sobald überall Kameras laufen und sofort eine Pressemitteilung raus muss, verhärten sich die Positionen. Wir brauchen Räume, in denen man vertraulich reden kann, um wieder Vertrauen aufzubauen.
Urs: Absolut. Es braucht wieder Leichtigkeit. Wir leben hier am Bodensee in einer Wohlstandsbubble und trotzdem sind fast alle Sitzungen verbissen und von Schuldzuweisungen geprägt. Uns fehlt die Selbstironie, die man beispielsweise aus dem englischen Kulturkreis kennt. Mal über sich selbst zu lachen, nimmt die Härte aus den Problemen.
Hannes: Ein vernunftbegabter Humor ist extrem wichtig für jeden Diskurs. Die besten Witze sind die, die man über sich selbst macht. In den letzten Jahren haben wir das stark verloren, weil alle Angst haben, jemanden zu triggern. Wie handhabst du das Thema Ablenkung? Würdest du ein Smartphone-Verbot durchsetzen?
Urs: Bei meinen eigenen Formaten stellt sich die Frage nicht, weil ich nur Leute einlade, bei denen ich weiß, wer kommt. Mein Konzept ist simpel: Keine Arschlöcher. Ich bin auf keine Sponsoren oder Fördergelder angewiesen, die mir Vorschriften machen. Wenn ich als Moderator unterwegs bin und jemand schaut permanent aufs Handy, frage ich ihn direkt, warum er überhaupt da ist, und bitte ihn gegebenenfalls zu gehen. Ich will diese faulen Kompromisse nicht mehr machen.
Hannes: Diese Unabhängigkeit ist entscheidend. Wenn man in Systemzwängen steckt, leidet das Event. Bei Publikumsevents klatscht die Kulisse, aber bei hochkarätigen Formaten muss man das Event strikt für die Teilnehmer designen. Man kann Führungskräfte nicht sechs Stunden lang in einen dunklen Raum setzen und mit Keynotes beschallen. Da holt jeder zwangsläufig das Smartphone raus.
Urs: Genau deshalb gebe ich auch das klassische Ticket-Verkaufen auf. Es entsteht eine Spirale: Du musst Tickets verkaufen, brauchst Sponsoren, musst Zugeständnisse machen und am Ende fällt das Konzept zusammen. Wenn der Markt ein Format nicht will, dann lasse ich es eben.
Hannes: Eine gesunde Einstellung. Bevor man gegen Realitäten kämpft, macht man lieber Dinge, die der Markt wirklich braucht, und nimmt das Gesparte als Marketing-Budget für die eigenen Netzwerke. Für öffentliche Institutionen gilt das übrigens anders: Sie hätten eigentlich den Auftrag, branchenübergreifend zu vernetzen, weil sie keine Gewinne schreiben müssen. Nur fehlt dort oft die unternehmerische Umsetzungskompetenz.
Urs: Wenn wir zum Abschluss in die Zukunft schauen: Ich habe komplett aufgehört, in Fünf-Jahres-Plänen zu denken. Mir ist das ehrlich gesagt egal. Ich lebe im Heute. Wenn ich morgens um sechs Uhr die Nachrichten höre, vergeht mir manchmal die Lust aufs Aufstehen. Aber der Tag zählt. Ich mache meine Arbeit jetzt primär für mich und meine Familie. Seit ich so denke, bin ich extrem zufrieden.
Hannes: Vielleicht ist genau das der Schlüssel: Mehr im Hier und Jetzt zu sein. Die Zukunft ist ohnehin oft nur Marketing-Schmäh.
Urs: Ganz genau. Ich freue mich einfach auf unsere kleine Runde morgen beim Inspirativo. Es braucht keine prominenten Speaker oder 40 Leute im Raum. Wenn zehn gute Leute da sind, die miteinander sprechen wollen, ist es ein voller Erfolg.
Hannes: Danke dir für das Gespräch, Urs!
Urs: Danke dir, Hannes. Bis bald!